r/lehrerzimmer 23h ago

Bundesweit/Allgemein Wechsel vom Gymnasium zur Berufsschule?

Seid gegrüßt. Mich würde interessieren, ob jemand von euch als Lehrer:in von einem Gymnasium zur Berufsschule gewechselt hat. War dieser Schritt aus deiner Sicht der richtige gewesen oder bereust du das jetzt?

Deine Erfahrung würde mir bei der Entscheidung sehr helfen, deshalb vielen Dank vorab für die ehrliche Mitteilung.

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u/MediumSeesaw578 Berufsschule 22h ago

Gymnasium studiert.

Am altsprachlichen Gymnasium Referendariat gemacht. Kollegium und Schulleitung war da absolut grausam (bis auf sehr wenige Ausnahmen).

An der BBS gelandet. Kollegium war und ist super. Schulleitung war super, seit einiger Zeit würde ist sagen OK (nachdem die alte Riege in Pension gegangen ist).

Schülerschaft ist SEHR anders. Ich war viel im Beruflichen Gymnasium und BOS eingesetzt, seit meiner Elternzeit vermehrt in BF1/2. Ich bin nur in Vollzeitklassen aufgrund meiner Fächer.

Man ist viel mehr Elternersatz, Schulter zum Ausheulen und Dompteur. Disziplin insgesamt ist deutlich schlechter (Handys, Essen im Unterricht, allgemeine Disziplin). Muss man mit klarkommen und seine Weg finden. Wenn man die Kinder teilweise erzählen hört, ist das kein Wunder. Ein vollständiges, funktionierendes Elternhaus ist bei uns oft die Ausnahme zum Beispiel.

Ich habe aber trotzdem das Gefühl, hier deutlich mehr bei den Schülern zu erreichen als am Gymi. Wir arbeiten sehr stark im Team zusammen ( was ich am Gymnasium komplett vermisst habe), innerhalb unserer Fächer als auch die Fachlehrer einer Klasse.

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u/MediumSeesaw578 Berufsschule 21h ago

Vergessen: es kommt auch sehr auf die Fächer an. Mit Deutsch/Englisch/Reli/Ethik ist man beispielsweise sehr bunt eingesetzt, von Abi, über Berufsschulklassen bis BVJ(S). Die Vielfalt ist hier viel höher als am Gymnasium

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u/ReneeT_ 20h ago

Super, danke für deine ausführlichen Beiträge

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u/Conscious_Glove6032 Berufsschule 22h ago

Studium für Gymnasien und Gesamtschulen, dann Referendariat, dann kurz eine Vertretungsstelle an einem Gymnasium und seitdem bin ich an einem Berufskolleg. Beste Entscheidung überhaupt. Vom Alter angenehmes Schüler-Klientel, mit dem ich einfach gut arbeiten kann. Die Probleme bezüglich Verhalten, Lernschwierigkeit und Motivation sind genauso wie am Gymnasium, aber man kann immerhin mit den Schülern ordentlich reden. Das Kollegium ist auch großartig und bodenständig, was ich an meinen Gymnasien vermisst habe.

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u/ReneeT_ 20h ago

Danke, du sagst "Die Probleme bezüglich Verhalten, Lernschwierigkeit und Motivation sind genauso wie am Gymnasium, aber man kann immerhin mit den Schülern ordentlich reden." - Das ist definitiv auch meine Motivation zum Wechsel.

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u/Scorpy57 21h ago

Ich selbst habe von Anfang an ein einer beruflichen Schule gearbeitet, kenne aber viele Gymnasiallehrkräfte, die auf ihren Wunsch an unsere Schule gewechselt haben. Soweit ich es beurteilen kann, waren sie zufriedener als an ihrer alten Schule.

Allerdings hängt dies sehr von deinen Präferenzen ab. Wenn du den SuS von der Pike an wissenschaftliches Arbeiten heranführen willst, dich besonders die theoretischen Inhalte deines Fachs interessieren und du gern jüngere SuS unterrichtest, bist du vermutlich am Gymnasium richtig.

Wenn dich mehr die Oberstufe und die praktischen Anwendungen deiner Fächer interessieren, bist du an der Berufsschule besser aufgehoben. Das Kollegium hat oft Erfahrung aus der beruflichen Praxis und ist daher oft etwas älter und "entspannter" gegenüber den SuS. Da die SuS über 16 sind, sind pubertäre Verhaltensweisen weniger ausgeprägt als in der Sek I.

Was es aus meiner Sicht sonst noch zu sagen gibt:

In allgemeinbildenden Nebenfächern sind Materialsammlungen dort allerdings oft spärlicher ausgestattet, da der Schwerpunkt im Berufsbezug liegt.

In allgemeinbildenden Fächern wirst du dich auch ein bisschen in die Berufe einarbeiten müssen, beispielsweise im Fach Englisch im gewerblichen Bereich, wie die Werkzeuge oder Maschinen in einer Werkstatt heißen. Ist aber bestimmt eine schöne Abwechslung zu Shakespeare oder Hemingway.

Du musst mit einer heterogenen Schülerklientel rechnen. In der Oberstufe hast du oft SuS, die über die Realschulen "quer eingestiegen" sind.

Es gibt Schulformen, in denen die SuS echte Lernschwierigkeiten haben oder solche, die man als "Warteschleifen" bezeichnet, um die Schulpflicht abzudecken.

In der Berufsschule hast du in derselben Klasse SuS vom Hauptschulabsolventen bis zum Gymnasiasten, was in beruflichen Fächern nichts heißen muss, in allgemeinbildenden dagegen oft schon.

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u/ReneeT_ 20h ago edited 9h ago

Danke für deine differenzierten Punkte.

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u/itseasybeasy 21h ago

Es kommt auch auf deine Fächer an. Bei uns sind z.B. die Reli-und Sozi-Lehrer in extrem vielen BS-Klassen einstündig eingesetzt. Das kann schon sehr anstrengend sein, weil man keine Klasse richtig kennenlernt. Mit anderen Fächern kann man wie hier in einem anderen Post beschrieben fast nur in Vollzeit-Klassen eingetzt werden und da ist von Hauptschulniveau (und drunter) bis Gymnasiale Oberstufe eben alles dabei.

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u/ReneeT_ 20h ago edited 18h ago

Ok, bei mir wäre es Mathematik und/oder Physik, Werte und Normen/Philosophie auch möglich, aber soweit ich das sehe, wird das letzte wohl an Berufsschulen weniger gebraucht.

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u/MediumSeesaw578 Berufsschule 10h ago

Mit Philosophie bist du aber für Ethik sowas von auf dem Schirm. Ist zumindest in unserer Region/ an der Schule ein so extremes Mangelfach. Und die Berufsschüler und Vollzeitklassen brauchen das oder Reli.

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u/xxX_Bustay_Xxx Bayern 20h ago

Zwar nicht an eine Berufsschule, aber an eine Fachoberschule (Bayern). Bestes Leben, ehrlich. Sehr angenehm zu arbeiten